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Der
kleine und der große Bär
Als
der kleine Bär und der große Bär noch auf der Erde lebten, war der kleine Bär
wild und sehr unvernünftig. Jeden Tag passierte etwas, er fiel aus einem Baum,
riss sich sein Fell an Dornen auf oder er landete beim Spiel in einem Graben.
Oft kraxelte er einen Baum so hoch hinauf, dass er nicht wieder
herunterklettern konnte. Und immer rettete ihn der große Bär, putzte ihn ab,
rubbelte ihn trocken oder tröstete ihn. Wenn der kleine Bär aber genug
gesprungen war, geklettert und getobt hatte, legte er sich neben den großen
Bären und fragte.
„Großer
Bär, sag mal, warum sind die Bäume so hoch?“ Oder:
„Großer
Bär, woher kommt der Wind?“ Oder gar:
„Warum
leben wir auf der Erde?“
Auch
wenn der große Bär nachgedacht und ihm alle seine Fragen beantwortet hatte, gab
er noch keine Ruhe:
„Wie
hoch ist der Himmel?“
Der
große Bär suchte immer nach einer wahren Antwort.
In
einer stillen, warmen Sommernacht, der große Bär lag müde im Gras und blickte
in den Himmel, zum Mond und zu den Sternen hinauf, da raschelte und krachte es
im Unterholz des Waldes. Das war der kleine Bär. Er war noch nicht müde und
streifte durch die Dunkelheit.
„Hilf
mir hier heraus, großer Bär!“ rief er. „Ich hänge in einer Dornenhecke fest.“
Wieder
stand der große Bär auf, tappte zwischen den Büschen und Bäumen hindurch, fand
den kleinen Bären, löste ihn aus einer Brombeerhecke und zog ihm die Dornen aus
dem Fell.
„Ach,
wenn der kleine Bär doch oben am Himmel wär“, sagte er ärgerlich zu sich
selbst, „dann hätte ich ihn wenigstens immer im Blick!“
Er
wollte seine Worte noch zurückhalten, aber sie waren heraus, und schwupp war’s
geschehen! Der kleine Bär hing oben am Nachthimmel und war sehr erschrocken.
Wie sollte er nur wieder hinunter auf die Erde Kommen? Der große Bär hatte den
kleinen Bären gern wieder heruntergeholt. Aber was er auch versuchte und
anstellte, und was er auch wünschte, es nützte nichts. Der kleine Bär blieb
oben. So machte der große Bär sich noch in dieser Nacht auf den Weg zum Himmel.
Er wanderte und wanderte bis ans Ende der Weilt. Dort fand er die
Himmelsleiter, die stieg er hinauf, irrte durch den Himmel, fragte die Sterne,
die ihr Abendlied sangen, fragte die Wolken, die sich gerade im Abendrot
röteten, fragte die blasse Mondsichel und die vorbeihuschenden Sternschnuppen
und suchte und rief nach dem kleinen Bären. Das hörte auch Petrus.
„Wer
schreit denn hier in meinem Himmel herum?“ fragte Petrus.
„Ich
habe das Bärchen an den Himmel gewünscht“, klagte der große Bär, „und alles
Zurückwünschen klappt nicht mehr. Da bin ich über die Erde gewandert bis zum
Ende der Welt, die Himmelsleiter hinaufgestiegen, und nun finde ich ihn hier
nicht. Ich will ihn zurück auf die Erde holen.“
„Das
geht nicht!“ sagte Petrus bestimmt. Aber der große Bär ließ sich nicht beirren.
„Ich
bin ja schon ziemlich alt“, sagte er. „Und ich habe in meinem Leben erfahren,
es gibt fast immer einen Ausweg! Ich bin sicher, das gibt es im Himmel auch!“
„Tjaaa!“
Petrus strich lange, lange über seinen Bart.
„Ich
hab’s!“ rief er und seine Augen leuchteten: „Ich stelle dir einen
Besucherschein aus! Nachts kannst du deinen kleinen Freund besuchen. Und
tagsüber kannst du ihn zum Toben und Spielen auf die Erde nehmen! “ Petrus
lachte stillvergnügt vor sich hin. „Siehst du, auch hier im Himmel gibt es
immer noch eine Möglichkeit!“
So
besuchte der große Bär den kleinen Bären des Nachts am Himmel, zeigte seinen
Besucherschein vor. Und die beiden leuchteten gemeinsam in die Dunkelheit. Und
auf der Erde sah man das Leuchten und Blinken.
„Sieh
mal, der große und der kleine Bär!“ sagten die Menschen zueinander. Und am Tage
nahm der große Bär den kleinen Bären mit auf die Erden. Und er konnte toben und
klettern und rennen, bis er müde war. Doch mit Einbruch der Dunkelheit begaben
sich die beiden wieder an den Himmel. Und jeden Abend kann man sie sehen. Und
in besonders klaren Nächten winkt der kleine Bär herunter.
***
In
der Ferne grummelt es. Heike hat ein feines Gehör für Gewittergrollen. Und nun
ist sie noch allein, im Zelt, in unbekannter Gegend. Und unter einer Eiche!
Eichen sollst du weichen, das weiß man doch. Keine Menschenseele in der Nähe.
Das
Grollen wird stärker. Sie muss etwas tun, das Gewitter kommt. Die Eltern... sie
könnte ihnen entgegengehen. Aber sie kennt den Weg nicht so gut. Vielleicht
nehmen sie eine Abkürzung. Oder einen geschützteren Weg, wegen des Gewitters.
Dann steht sie womöglich allein an der Bushaltestelle, weit und breit kein
Baum, nichts zum Unterstellen. Auf freiem Feld muss man sich flach auf den
Boden legen, am besten in eine Mulde oder einen Graben. Sonst kann man vom
Blitz erschlagen werden. Da ist es schon besser, sie bleibt im Zelt. Und hier
wird sie auch nicht nass.
Die
Donner werden immer deutlicher. Sie hält sich die Ohren zu. Ein wenig nützt es.
Wenn man genau lauscht, hört man trotzdem etwas. Singen sollte sie. Sie kennt
ja viele Lider. Zuerst singt sie die schönen. Das vom Schimmel. Und das von der
blonden Antje. Sie singt laut. Es ist keiner da, der sie hören könnte. Das
tiefe Einatmen und Herausschmettern tut gut. Sie selbst mag ihre Stimme nicht
hören. Sie klingt, als singe sie zwei Töne gleichzeitig.
Eine
Seite der Zelttür ist offen, Heike blickt auf das Meer, auf die Wolke aus
dicker Tinte. „Gewitter zieht gegen den Wind“, hat ihre Freundin gesagt. Sie
steckt den Finger in den Mund, schlängelt ihn hinaus, hält ihn prüfend über das
Zelt. Stimmt. Vom Wasser her kommen die Wolken, vom Land her der Wind.
Die
ersten harten Tropfen fallen. Sie krabbelt noch weiter ins Zelt. Es pocht auf
das Dach, im Takt zu ihrem Lied. Dann prasselt es, sprüht herein, sie zieht die
Reißverschlusstür weiter zu. Da nützt bald das Singen nicht mehr, gegen das
Prasseln und das Donnern. Die Pausen zwischen Blitz und Donner werden immer
kürzer. Sie zählt die Sekunden. Eins. Zwei. Drei. Das sind drei Kilometer. Viel
zu nah. Jetzt wieder ein Blitz. Sie zuckt zusammen und zählt.
Einszweidreivierfünf. Fünf, das geht ja noch!
Wenn
die Eltern doch bloß kämen. Man kann hier ganz zappelig werden. Trotz Gesang.
Und jetzt noch ein Stampfen. Es dröhnt lauter als Regen und Melodie. Wenn das
nur kein Pferd ist! Hinter dem Zeltplatz ist eine Weide. Und wenn so ein Pferd
angaloppiert kommt!
Sie
nimmt die Finger von den Ohren. Immer noch Trappeln. Und Keuchen. Und Stimmen.
Vatis Stimme! Heike zieht den Reißverschluss hoch, rafft die Zelttür beiseite.
Taschen, Beine, Körper steigen ein, füllen den Raum. Mutti schiebt ihre Taschen
weiter in die Ecke, Vati schließt die Tür und alle Ritzen. Sie hocken sich in
die Mitte, pusten, zerren Handtücher aus einer Tasche, trocknen Gesicht und
Arme.
Die
Blitze zucken grell über das Zelt. Donner hüpfen ein Wellblechdach hinab und
krachen in den Boden. Wie Erbsen schlagen die Regentropfen auf das Zelt,
heftiger, gleichmäßiger, spielen eine Melodie.
Vati
legt seine klamme Hand auf Heikes Nacken. Es riecht nach feuchtem Haar und
nasser Erde. Ach, es wird jetzt fast gemütlich.
***
Der Geschichtenerzähler
Es war einmal ein Mann, der war in seinem Leben weit herumgekommen. Seinen Lebensabend verbrachte er nun in einem kleinen Dorf hinter dem Wald. An Sommerabenden saß er vor seinem Haus und rauchte Pfeife. Die Leute grüßten und plauderten ein Weilchen mit ihm. Dann erzählte er von seinen Abenteuern in fernen Ländern und Meeren. Sie lauschten ihm, und ganz besonders die Kinder konnten nicht genug kriegen. Bald hatte der Mann alle seine Abennacteuer erzählt und erfand noch ein paar hinzu. Die Leute liebten seine Geschichten, ob sie nun ganz wahr waren oder nur zur Hälfte oder ob alles geflunkert war. Er wusste Geschichten von Feen und Zauberern, von Riesen, Zwergen und von Meerungeheuern. Der Geschichtenerzähler, so nannte man ihn, war ein gern gesehener Gast. An langen Winterabenden lud man ihn zu sich ein und bewirtete ihn mit Wein und guten Speisen. Und er hatte immer neue Geschichten.
Es lebte aber in der Stadt ein Lehrer, dem konnte
niemand etwas recht machen. Er hasste alle Freude, und vor allem war ihm jede
Lüge zuwider. Und er horchte und forschte, um jemanden beim Lügen zu ertappen,
als Lügner zu entlarven und vor ein Gericht zu zerren. Zu diesem Mann drang nun
die Kunde von dem Geschichtenerzähler. „Dem werde ich das Handwerk legen!“
dachte er bei sich. Und er brach auf, den Geschichtenerzähler zu suchen und vor
das Hohe Gericht in der Stadt zu bringen.
Der Weg war lang und beschwerlich. Bei Einbruch der
Dunkelheit gelangte er an das Dorf vor dem Walde. Er klopfte an die Tür eines
kleinen Hauses und bat um ein Nachtlager. Dort wohnte eine alte Frau mit ihrer
Enkelin. Die Frau lud den Lehrer in ihr Haus, gab ihm zu essen und zu trinken
und richtete ihm ein Nachtlager. „Was führt Euch in die Gegend?“ fragte sie.
„Ihr seht mir nicht aus wie ein Handwerker.“ Der Lehrer aber war schlau und
verstellte sich. Er wolle den Geschichtenerzähler suchen und ihn zum König
bringen, damit er mit allen Ehren überhäuft würde, log er. Die alte Frau aber
durchschaute die List des Lehrer. „Der führt nichts Gutes im Schilde“, sagte sie
zu ihrer Enkelin. „Wir müssen herausbekommen, was er vorhat.“
Das Mädchen hockte sich des Nachts vor die
Schlafkammer des Lehrer. Im Schlaf sprach er laut und rief: “Wenn der Tag zu
Ende geht, werde ich den Geschichtenerzähler für seine Lügen ins Gefängnis
werfen lassen!“ Da hatte das Mädchen genug gehört. Es sprach: „Ich laufe in das
Dorf hinter dem Wald, um den Geschichtenerzähler zu warnen.“
Am folgenden Morgen bedankte sich der Lehrer für die
Gastfreundschaft und ließ sich den Weg durch den Wald weisen. „Ihr gelangt des
Mittags an drei Weggabelungen“, sagte die alte Frau. „Dort müsst Ihr stets den
rechten Weg wählen.“ Der Lehrer schritt durch den Wald, und als die Sonne am
höchsten stand, kam er an die erste Weggabelung. Dort saß ein Kind und sah sehr
sorgenvoll aus. „Guten Tag!“ sagte der Lehrer. „Das kann kein guter Tag sein“,
antwortete das Kind, „heute sind drei schwarze Spinnen über das Brot gelaufen.
Das bedeutet Unglück. Seid ihr der Mann, der Unglück über unser Dorf bringt?“
„Aber nein“, sagte der Lehrer schnell. „Ich bin Gelehrter und suche den
Geschichtenerzähler. Ich will seine Geschichten aufschreiben.“ „Dann seid ihr
auf dem rechten Weg“, sagte das Kind und zeigte ihm den Weg. Nach einer Weile
kam er an eine zweite Weggabelung, dort saß wiederum ein Kind und sah traurig
aus. „Guten Tag!“ sagte der Lehrer. „Das kann kein guter Tag sein“, erwiderte
das Kind. „In unserem Brunnen saßen drei dicke Kröten, das bringt Unglück. Seid
Ihr derjenige, der das Unglück mitbringt?“ „Aber nein“, entgegnete der Lehrer
rasch. „Ich suche den Geschichtenerzähler. Ich will seine Geschichten zu einem
Buch drucken lassen“ „Dann seid Ihr auf dem rechten Weg“, sagte das Kind und
wies ihm den Weg.
Schließlich kam der Lehrer an die dritte Weggabelung.
Abermals saß dort ein Kind, und es sah unglücklich aus. „Guten Tag!“ sagte der
Lehrer ein drittes Mal. Und wieder entgegnete ihm das Kind: „Das kann kein
guter Tag sein. Heute sind drei Raben nach Osten über unser Dorf geflogen. Das
bedeutet Unglück. Seid Ihr etwa der Mann, der Unglück über unser Dorf bringen
wird?“ „Aber nein“, rief der Lehrer. „Ich suche den Geschichtenerzähler und
bringe ihn zum König, damit er ihn ehrt.“ „Dann seid Ihr auf dem rechten Weg.“
Und das Kind zeigte ihm den Weg.
Endlich gelangte der Lehrer in das Dorf hinter
dem Wald und kam auch an das Haus des Geschichtenerzähler. Der saß auf seiner
Bank, rauchte seine Pfeife und erzählte, umringt von den Dorfbewohnern. „Grüß
Euch, Fremder! Seid Ihr nicht der Lehrer, der die Lügen hast? Was führt Euch in
unser Dorf?“ Und bevor noch der Lehrer antworten konnte, sprang ein Kind auf
und rief: “Bei den drei Spinnen, die über das Brot gelaufen sind, er sagt, er
ist Gelehrter und will Eure Geschichten aufschreiben.“ Und ein zweites Kind
rief: „Bei den drei Kröten in unserem Brunnen, er sagte, er wird aus den
Geschichten ein Buch machen, damit der Geschichtenerzähler reich und berühmt
wird.“ Und noch ein drittes Kind sprang auf und rief: „Bei den drei Raben, die
gen Osten fliegen, er sagt, er wird den Geschichtenerzähler zum König bringen,
damit er geehrt wird.“ Und der Lehrer erkannte die Kinder, die er an den
Weggabelungen gesprochen hatte, und nun konnte er nicht mehr zurück, ohne
selbst als Lügner dazustehen. Er nahm sein Heft und schrieb die Geschichten
auf, die der Geschichtenerzähler erfand. Der flunkerte, was er nur konnte, und
der Lehrer musste alles aufschreiben und zu einem Buch drucken lassen.
Als aber der König, der ein ernster Mann war, das Buch las, lachte er und war heiter wie lange nicht mehr. Er lud den Geschichtenerzähler in sein Schloss ein und belohnte ihn mit Gold und Edelsteinen. Von morgens bis abends ließ er sich Geschichten erzählen. Ein Gesetz wurde erlassen, nach dem das Buch in allen Schulen gelesen werden musste. Der Lehrer aber grämte sich und wurde matt und krank vor Ärger.
Der Geschichtenerzähler ging zurück in sein Dorf. Und wenn er nicht gestorben ist, sitzt er noch heute vor seinem Haus, raucht die Pfeife und erzählt eine Geschichte.
***